Die Fortschrittsfalle – warum wir Karl Lauterbach dankbar sein sollten

Man muß kein Fan des SPD-Politikers Karl Lauterbach sein. Er polarisiert zuweilen. Dennoch hat er in dieser Woche mit einem ausführlichen und lesenswerten Interview in der TAGESZEITUNG (TAZ v. 24.08.2015) einen bemerkenswerten Beitrag zur Gesundheitsdebatte geleistet. Während andere Politiker der Koalition noch mächtig stolz sind auf das jüngst vom Kabinett verabschiedete und seit Jahren überfällige Pflegegesetz, insbesondere auf die darin enthaltenen Leistungen für Demenzkranke, verschiebt Lauterbach den Fokus der Debatte in eine andere Richtung: die eigentliche gesellschaftliche Herausforderung der kommenden Jahre werde nicht allein die steigende Zahl der Demenzkranken, sondern die der an Krebs erkrankenden Menschen werden.

„Größte Krebswelle der Geschichte“ (Karl Lauterbach)

Derzeit so Lauterbach, erkrankten rund 500.000 Menschen jährlich an Krebs. Diese Zahl werde demographiebedingt in den nächsten Jahren massiv steigen. „Wir stehen vor der größten Krebswelle der Geschichte“ so Lauterbach in der TAZ. Lauterbach wäre nicht Lauterbach, wenn er die Hoffnungen auf Heilung massiver Tumorerkrankungen dämpft, „weil Krebs so flexibel wie intelligent“ ist. Was den SPD-Politiker beschäftigt ist die Frage wie die damit einhergehende Kostenexplosion für die Behandlung der Erkrankten finanzierbar bleibt. Lauterbach bleibt ehrlich, das Geld wird fehlen. Zwar appelliert er, finanzielle Mittel gezielter einzusetzen, doch jeder Kenner der Szene weiß, dass das zwar einerseits ein unterstützenswertes Anliegen ist, andererseits aber das Bohren ganz dicker Bretter bedeutet. Kurz: fürs Sparen ist jeder Player im Gesundheitssystem, so lange es ihn selbst nicht betrifft. St. Florian als Schutzpatron.

Lauterbach selbst ist für den gezielten Einsatz von Medikamenten und Therapien. Nicht jeder soll jedes Medikament und jede noch so teure Therapie erhalten, wenn der spezifische Nutzen in der jeweiligen Behandlungssituation nicht nachgewiesen ist. Der offenen Rationierung von Leistungen aus ökonomischen Gründen – wie beispielsweise in Großbritannien – erteilt der Mediziner eine klare Absage. Was er nicht sagt ist, dass wir auch in Deutschland längst in die Rationierung von Gesundheitsdienstleistungen eingestiegen sind. Nicht alles therapeutisch Machbare soll für jeden möglich sein – zumindest dann nicht, wenn es die Gesetzliche Krankenversicherung (GKV) bezahlen soll.

Was auf den ersten Blick auch aus ethischen Gründen durchaus bedenkenswert erscheint, wirft dann aber Fragen nach den Entscheidungskriterien, der Transparenz von Entscheidungen und der Kontrolle der erbrachten Leistungen auf. Wünscht sich nicht jeder Patient ein derart uneingeschränktes Vertrauensverhältnis zu seinem Behandler, dass er ihm im Fall einer schwerwiegenden Krebserkrankung dahingehend uneingeschränkt vertrauen kann, dass der Arzt nicht das medizinisch Mögliche, sondern das für den Patienten medizinisch Richtige tut. Ohne dieses Grundvertrauen wird es auch in Zukunft keine angemessene Arzt-Patientenbeziehung geben. Leitlinien sind dabei wichtig, Transparenz in Entscheidungen notwendig, genaue Kenntnis über Behandlungskosten hilfreich und Qualitätskontrollen unabdingbar.

Gleichwohl werden wir uns darauf einstellen müssen, durch die jetzt beschlossenen Leistungsverbesserungen in der Pflegeversicherung und in der Gesetzlichen Krankenversicherung in den kommenden Jahren nicht nur steigende Beiträge zur Pflegeversicherung, sondern allein durch die steigende Zahl an Krebserkrankungen und die verbesserten Therapiemöglichkeiten auch steigende Beiträge zur Krankenversicherung zu zahlen sind. Auch wenn im System durchaus noch Optimierungsmöglichkeiten vorhanden sind, wird das Gesundheitssystem in der derzeitigen Struktur die gewaltigen Herausforderungen wirtschaftlich nicht stemmen können. Wer diese Beitragssteigerungen in Zukunft vermeiden will, muß heute eine ehrliche und offene Debatte darüber führen, in welcher Form er zukünftig Gesundheitsleistungen einschränken möchte. Oder freundlicher ausgedrückt: was wollen und was können wir uns zukünftig leisten?

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