Wenn ein Monopol Risse bekommt – Anfang 2016 werden für Facharztbesuche Terminservicestellen eingerichtet

Wenn es gelingt, könnte dieser Aspekt des Versorgungsstärkungsgesetzes die jahrzehntelang gepflegte Aufteilung zwischen den Anbietern rein stationärer und rein ambulanter Leistungen gehörig durcheinanderwirbeln. Die gezielte monopolartig anmutende Verknappung des Facharztangebotes durch die Kassenärztlichen Vereinigungen (KVen), die niedergelassenen Fachärzten über Jahrzehnte ein sorgenfreies und auskömmliches Berufsleben ermöglichte, bekommt die ersten Kratzer. Und das ist politisch durchaus gewollt.

Bisher war es die ärztliche Selbstverwaltung, die definierte, ob und wenn ja wie viele Fachärzte in einer Region benötigt wurden, unabhängig vom tatsächlichen Bedarf der Menschen und Patienten. Dieser wurde bisher nach komplizierten und nicht immer nachvollziehbaren Schlüsseln errechnet. Wie lange Patienten dabei auf einen Termin bei einem Facharzt warten mussten, war den Vertretern der niedergelassenen Fachärzte dabei ziemlich gleich. Damit ist jetzt nicht Schluss, aber das Monopol bekommt Risse. Bei den Kassenärztlichen Vereinigungen werden ab 2016 sogenannte Terminservicestellen eingerichtet. Diese haben gesetzlich versicherten Patienten mit entsprechender Überweisung einen Facharzttermin innerhalb von einer Woche anzubieten. Schaffen es die Terminservicestellen, den Patienten innerhalb von vier Wochen einen Termin zur Vorstellung beim Facharzt zu geben, ist alles in Ordnung. Gelingt Ihnen das nicht, dürfen die Patienten die ambulante Leistung im Krankenhaus in Anspruch nehmen. Wartezeiten von mehr als vier Wochen oder sogar Monaten für einen Besuch beim dringend benötigten Facharzt – bisher nichts Ungewöhnliches – sollen so der Vergangenheit angehören. Für Besuche beim Augen- oder Frauenarzt ist zudem keine Überweisung erforderlich.

Sachsen als Vorreiter der Entwicklung

Der Bundesgesetzgeber kann dabei auf die Erfahrungen in Sachsen zurückgreifen. Dort gibt es bereits Terminservicestellen seit Ende 2014. Die Erfahrungen damit sind gemischt, je nach Interessenlage. In Sachsen sollen aber bisher rund dreiviertel der Patienten, die sich an Servicestelle gewandt haben, einen Termin in der vorgesehenen Frist von vier Wochen erhalten haben.

Und die Krankenhäuser: die sehen dem, was da auf sie zukommen kann, mit gemischten Gefühlen entgegen. Zum einen legen schon jetzt viele Patienten ihre Facharztbesuche in die Zeit, in der Arztpraxen geschlossen sind und gehen nicht in die Notfallambulanzen der ambulanten Mediziner sondern gleich als Notfall ins Krankenhaus. Dort sitzen dann in den jeweiligen Ambulanzen Patienten, die nicht abgewiesen werden dürfen und binden Zeit, Personal und Mittel, die für andere schwer erkrankte Patienten dringend benötigt werden. Und die Vergütung für die Leistung, so die Krankenhäuser, decke bisher bei Weitem nicht den Aufwand. Andererseits wissen die Krankenhäuser noch nicht einzuschätzen, welche Zahl an zusätzlichen ambulanten Patienten da in Zukunft auf sie zukommt. Natürlich ist es auch für Krankenhäuser strategisch reizvoll, das eigene Betätigungsfeld in dem ambulanten Sektor auszubauen. Aber viele Häuser möchten das bisher gewohnte Miteinander mit niedergelassenen Fachärzten nicht beeinträchtigen, schließlich leben sie ganz erheblich von den Zuweisungen der niedergelassenen Ärzte. Und die reagieren durchaus empfindlich, wenn Krankenhäuser ihr Engagement im niedergelassenen Bereich ausbauen.

Was in anderen Branchen unter strenger Strafe steht, ist im deutschen Gesundheitswesen noch tägliche Praxis. Die Aufteilung von Märkten und der fehlende Wettbewerb zwischen den Systemen. Das nennt sich dann Versorgungsauftrag in den jeweiligen Sektoren. Und genau dieser Versorgungsauftrag wird jetzt zumindest teilweise neu definiert. Für die niedergelassenen Fachärzte und KVen ist die Einrichtung der Terminservicestellen das Angebot, das bisherige System mit der Arbeitsteilung zwischen dem ambulanten und stationären Sektor zu retten. Sollte sich die Situation hier nicht grundlegend verbessern, müssen die niedergelassenen Fachärzte damit rechnen, das sie vermehrt Patienten an die Krankenhäuser auch im ambulanten Bereich abgeben müssen. Und das kann nicht in ihrem Interesse sein.

Jetzt also Terminservicestellen zur Rettung des Systems: Wir dürfen gespannt abwarten, ob die für Einrichtung und Betrieb notwendigen Millionenbeträge den Patienten in Form schneller Facharzttermine zugute kommen.

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