Wenn Politik keine Linie hat – droht dem deutschen Gesundheitswesen ein Pflegestreik?

Da geistert das „böse“ Wort vom Pflegestreik durch die sozialen Medien. Da braut sich offensichtlich was zusammen. Offensichtlich haben Pflegende – nicht ganz unbegründet – den Eindruck, dass sie zu den Verlierern der letzten Reformen im Gesundheitsbereich gehören und Vertrauen in die politisch Handelnden verloren. In der Tat ist auch statistisch nachweisbar, dass die Zahl der Pflegenden etwa im Krankenhausbereich in den vergangenen Jahren abgenommen hat, bei steigenden Fallzahlen, zunehmender Multimorbidität und immer kürzerer Verweildauer. Die Folge: die Belastung hat deutlich zugenommen. Waren im Jahr 2000, so die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG), noch 332.269 Vollkräfte in deutschen Krankenhäusern beschäftigt, so hat sich diese Zahl bis zum Jahr 2013 auf 316.275 Vollkräfte reduziert. Irgendwann sind in den Krankenhäusern die Schnittstellen optimiert, die Prozesse gestrafft, pflegefremde Tätigkeiten an Assistenzkräfte delegiert und dann geht es an die Substanz und auf den „Rücken“ der Pflegenden.

Und in der Seniorenpflege: auch hier machen sich im stationären Bereich zunehmende Multimorbidität und die hohe Zahl der an Demenz erkrankten Senioren bemerkbar. Gleichwohl sieht es hier durch die die strikten Kontrollen des MDK und der Kommunalen Aufsichtsbehörden, z.B. der Heimaufsicht, besser aus. Eine dauernde Unterbesetzung unter der in der Pflegesatzvereinbarung vereinbarten Personalstärke kann sich kein Heimbetreiber leisten, die Sanktionen greifen umgehend, wenn der Betreiber auffällig wird. Trotzdem ist auch hier die Belastung durch immer kürzere Verweildauern der Bewohner und zunehmende Multimorbidität signifikant gestiegen. Da läßt sich vortrefflich darüber streiten, ob der mit den Kostenträgern vereinbarte Personalschlüssel überhaupt angemessen ist.

Aber: wer hinter die Kulissen schaut, wird feststellen, dass in deutschen Altenheimen noch nie so viele – und so viele gut qualifizierte – Pflegekräfte und Betreuungspersonal tätig war wie heute. Das ist gut so und ein Zeichen von Respekt und Anstand gegenüber Pflegebedürftigen, die auf Hilfe und Unterstützung von anderen, fremden, Menschen angewiesen sind. Es ist auch ein Zeichen des Anstands und des Respekts gegenüber Pflegenden und Betreuungspersonal in Pflegeeinrichtungen, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, Menschen auf der letzten Wegstrecke ihres Lebens gut aus dem Leben heraus zu begleiten und für die häufig der Beruf mehr ist als ein Job, eine berufliche Aufgabe.

Generalistische Ausbildung wird zerredet

Aber es geht nicht nur um individuelle Belastungen, es geht vielmehr um die Weiterentwicklung eines Berufsbildes. Und um die Anerkennung, die eine Gesellschaft den in diesem Berufsbild Tätigen zollt, die eine für diese Gesellschaft existentielle Tätigkeit ausüben. Die Beschäftigten in der Pflege haben ein Anrecht darauf zu erfahren, in welche Richtung sich ihr Beruf entwickelt. Kommt die Generalisierung oder bleibt es bei der derzeitigen Aufteilung? Kommt die Akademisierung oder bleibt es beim bisherigen System? Bleibt es weiterhin jedem Bundesland überlassen, die Ausbildung nach eigenen Kriterien zu strukturieren, Anforderungen festzulegen und zu fördern?

Die gerade erneut stattfinde Diskussion – wenn es denn eine ist – über die Initiative der Bundesregierung zur Generalisierung der Ausbildung schadet dem Berufsbild, den Pflegebedürftigen und letztlich den Patienten. Da verständigen sich die Koalitionsparteien darauf, die Ausbildung – wie in anderen Ländern auch – zu generalisieren. Dann wird diskutiert, Experten angehört und eine eine vermeintliche Entscheidung pro Generalisierung getroffen. Wenn die Beteiligten und insbesondere die Betroffenen denken, der Gesetzentwurf kommt auf den Weg – Zeitpläne liegen schließlich vor -, wird die politische Diskussion ohne Not wieder eröffnet. Nicht mit neuen Argumenten, das wäre nachvollziehbar, sondern mit alten Bedenken.

Pflege braucht jetzt Klarheit

Die Diskussionsfronten sind, freundlich ausgedrückt, unübersichtlich: die SPD besteht auf einer Einführung der Generalistik wie im Koalitionsvertrag vereinbart. Bundesgesundheitsminister Gröhe und der Pflegebeauftragte der Bundesregierung Laumann sind ebenfalls dafür. Bedenken haben der stellvertretende Vorsitzende der CDU/CSU Nüsslein und der pflegepolitische Sprecher der Unionsfraktion Rüddel. Während der Bundesverband der privaten Anbieter sozialer Dienste (bpa) die Bedenken teilt, fordern der Deutsche Pflegerat (DPR) und zahlreiche kirchliche Verbände eine zügige Einführung der Generalistik.

Die verfahrene Situation wäre nicht so bedenklich, wenn die in der Pflege Beschäftigten nicht dringend Klarheit bräuchten, wie es mit Berufsbild weitergeht. Schon heute fehlen in Gesundheitseinrichtungen Tausende qualifizierter Pflegekräfte. Der Bedarf an qualifizierten und engagierten Mitarbeitenden wird in den nächsten Jahren schon allein auf Grund der demographischen Entwicklung stark ansteigen. Jetzt ein Berufsbild zu zerreden und das Image des Berufes weiter zu beschädigen, ist politisch nicht zu verantworten. Wer entscheidet sich heute für einen Beruf, von dem er nicht weiß, wie das Berufsbild morgen aussieht?

Unternehmer und Einrichtungen in der Pflege sowie insbesondere die Beschäftigten brauchen Klarheit und sichere Rahmenbedingungen. Unklare Rahmenbedingungen sind das Letzte was der Beruf jetzt braucht und was die Beschäftigten brauchen. Politische Verantwortung wahrnehmen heißt auch, jetzt für klare Rahmenbedingungen zu sorgen. Dann können sich die in der Pflege Beschäftigten dazu verhalten und die jungen Menschen, die erwägen diesen wichtigen Beruf zu ergreifen, ebenfalls. Diese Wertschätzung haben sie verdient.

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