E-Health und die Realität in Deutschland (1)

Zweifellos hat die Digitalisierung auch das deutsche Gesundheitssystem erreicht. Der Nutzen, der für Anbieter und Patienten durch den Einsatz aktueller Systeme entstehen kann, ist unbestritten. Gleichwohl gilt: nicht jedes neue Gerät ist notwendig und sinnvoll, nicht jede Investition in Digitalisierung führt zu Wertschöpfung.

Aber von intelligent vernetzten Prozessen und IT-Systemen sind viele Krankenhäuser noch weit entfernt. Dabei hat das Fraunhofer-Institut für Software- und Systemtechnik ISST mit der Hospital Engineering Initiative ein Netzwerk geschaffen, das Krankenhäuser, Forschungsinstitute und IT-Unternehmen an einen Tisch bringen soll. Mehr als 80 Partner sind inzwischen beteiligt, und in Duisburg wird auf einer Fläche von 350 Quadratmetern gezeigt wie Vernetzung im Krankenhausbereich schon heute technisch umgesetzt werden kann.

Dennoch gibt es sie noch, die Enklaven der analogen Welt. Kürzlich in der Spezialambulanz eines deutschen Großklinikums (Maximalversorger): eine Abteilung mit deutschlandweitem Renommee und höchster Reputation des Abteilungschefs, der selbstverständlich auch auf der FOCUS-Bestenliste zu finden ist. Einen Termin für Kassenpatienten gibt es nur mit monatelanger Wartezeit, die Bereitschaft, als Privatpatient aufzutreten, verkürzt die Wartezeit deutlich. Die Terminplanung erfolgt dezentral mit bewährten Papierkalendern (mit dem Logo eines Pharmaunternehmens), das Kriterium für die Terminvergabe ist nicht die medizinische Indikation sondern der Zeitpunkt des Anrufs.

Die nächste Überraschung erlebt der Patient dann in der Ambulanz selbst: die Patientendaten werden nicht etwa mit einem üblichen Krankenhausinformationssystem erfasst, sondern mittels verschiedener Formularbögen, und am Ende dieses Prozesses wird von der freundlichen Sekretärin eine Karteikarte ausgefüllt. Und in dieser Karteikarte – nicht im KIS – dokumentiert dann der ausgesprochen kompetente und zugewandte Arzt die Untersuchungsergebnisse. Die ärztliche Verordnung per Rezept bekommt der Patient dann selbstverständlich auch handgeschrieben für den Apotheker seines Vertrauens mit auf den Weg nach Hause. Der Apotheker hat dann Mühe das Rezept zu lesen und erklärt bei der Abholung der Medikamente in der Apotheke dem Patienten, man habe in der Klinik noch mal angerufen und das Rezept „rübergefaxt“, weil man es nicht lesen konnte.

Vier Wochen später: der Patient benötigt eine neue Verordnung, da die Medikamente aufgebraucht sind. Anruf in der besagten Abteilung, die freundliche Sekretärin ist am Telefon. Gerne stelle man das Rezept aus, um welche Medikamente es sich denn gehandelt habe. Den Hinweis des Patienten auf die sorgfältige Dokumentation in der Karteikarte erwidert die Sekretärin dahingehend, dass sich diese derzeit auf dem Weg in die Abrechnungsstelle befinde – „die ist aber in einem anderen Haus, da komme ich jetzt nicht dran“. Der Patient, der gerne sein Wiederholungsrezept haben möchte, bietet an, das ursprüngliche Rezept einzuscannen – schließlich stehen da die verordneten Medikamente drauf – und der Sekretärin per Mail zuzuleiten. Ja, erwidert diese, sie habe EMAIL, sie suche den Zettel mit ihrer Adresse unter der Schreibtischunterlage. Sie lese auch EMAILs, zwar nicht täglich aber doch regelmäßig, „wissen Sie, wenn der Chef außer Haus ist, schickt der mir Mails mit Aufträgen“, deshalb müsse sie da reinsehen. Der Patient ist gespannt und völlig überrascht, dass er innerhalb von zwei Tagen die Verordnung in seinem Briefkasten findet. Geht doch, denkt er.

Fazit: Was könnte an Nutzen für das Klinikunternehmen, für die Abteilung, für die Mitarbeiter des Krankenhauses und die Patienten entstehen, wenn die Prozesse in dieser Abteilung – schließlich handelt es sich um einen Maximalversorger – mit einem zeitgemäßen Krankenhausinformationssystem einschließlich digitaler Patientenakte organisiert werden? Vielleicht sollte die nächste Abteilungsfortbildung beim Fraunhofer-Institut in Duisburg oder einem Wettbewerber stattfinden, der zum Nutzen des Unternehmens und der Patienten seine Prozesse weitestgehend digitalisiert organisiert. Die sehr engagierten Mitarbeiter könnten entlastet, Patienten noch zufriedener behandelt und Prozesse transparenter werden. Und das hätte dann für das Krankenhausunternehmen auch noch ökonomische Effekte.

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