Mehr Personal allein bringt keine Effekte

Wenn das System nicht stimmt, bringt auch die quantitative Erhöhung der Mitarbeitenden keine Entlastung. Reine Personalaufstockungen – so das Ergebnis des Picker Report 2015 – haben so gut wie keinen Effekt auf die Qualität der Versorgung, wenn die Arbeitsbedingungen nicht mindestens als durchschnittlich eingestuft werden. Mit den Befragungsdaten von 8570 Pflegekräften aus 25 deutschen Krankenhäusern kommt der Report zu dem Schluß, dass die hohe Belastung und die enge Verknüpfung zwischen Personalengpässen und unzureichender Qualität der Patientenversorgung alarmierend sei.

Seit 1996 seien mehr als 36.800 Vollzeitstellen (-11%) in deutschen Krankenhäusern gestrichen worden, die Zahl der behandelten Fälle aber im gleichen Zeitraum um 20% gestiegen. Zusätzlich sei die Verweildauer im Schnitt um 29% gesunken. Hinzu kommt: die Zahl älterer, multimorbider Patienten in den deutschen Krankenhäusern nimmt stetig zu. Ergebnis: der Arbeitsdruck für die Mitarbeitenden in den Krankenhäusern steigt.

Neben den Rahmenbedingungen (Arbeitsdruck, häufige Störungen, Überstunden, häufige Vertretung wegen Personalengpässen) ist es nach dem Picker Report 2015 insbesondere auch mangelnde Wertschätzung durch die Krankenhausleitung, die viele Pflegekräfte beklagen. Mitarbeitende in der Pflege erleben häufig wenig Wertschätzung, geringen Respekt und damit mangelnde Achtung für ihre Tätigkeit.

Der Picker Report 2015 kann ein wichtiger Baustein in der Diskussion um das Krankenhausstrukturgesetz sein. Die dort für die Jahre 2016 bis 2019 geplanten 660 Mill. Euro im sogenannten Pflegestellen-Förderprogramm werden kaum Wirkung entfalten, wenn sich die Mitarbeiterorientierung vieler Krankenhäuser nicht verändert. Ohne Führungskräfteentwicklung, einem Wertewandel der Führung, der zu mehr Anerkennung der Mitarbeitenden führt und einer angemessenen Vergütung wird sich die Situation der Pflegenden nicht grundlegend verbessern. Und ohne diesen Wandel wird der Beruf nicht attraktiver.

Nachdenklich stimmt, dass zahlreiche Träger und Krankenhäuser das Thema Mitarbeiterentwicklung seit längerer Zeit ganz oben auf der Agenda haben. Es ist ja nicht so, dass nichts passiert. Offenbar kommt das bei vielen Pflegekräften noch nicht an. Oder der Systemdruck ist so groß, dass die Maßnahmen mittel- oder langfristig ohne Wirkung bleiben.

Ohne qualifizierte und motivierte Pflegekräfte ist kein Krankenhaus zukunftsfähig. Von daher braucht es jetzt Beides: Einerseits Systementwicklung und einen Wertewandel der Führung, sowie andererseits finanzielle Rahmenbedingungen durch Gesetzgeber und Kostenträger, die gute Rahmenbedingungen für Menschen schaffen, die heute bereits in der Pflege tätig sind oder überlegen, einen Pflegeberuf zu ergreifen.

Die entscheidende Frage aber bleibt: welches Gesundheitssystem mit welcher Ausstattung wollen wir in Zukunft haben und was sind wir als Gesellschaft bereit dafür zu bezahlen? Die Gesellschaft ist den Mitarbeitenden in deutschen Krankenhäusern – nicht nur in der Pflege – eine ehrliche Antwort schuldig.

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