Empathische Durchsetzung: Entscheidungen klar und empathisch vertreten
Ein vertrauter Mitarbeiter steht an Ihrer Bürotür. Er bittet Sie, bei den Dienstzeiten eine Ausnahme zu machen. Aus einem nachvollziehbaren persönlichen Grund. Sie wissen, es geht nicht. Die Entscheidung ist gefallen. Und doch spüren Sie diesen inneren Widerstand. Die Spannung zwischen Fürsorge und Verantwortung, zwischen Nähe und Notwendigkeit.
Solche Momente sind Prüfsteine von Führung. Nicht die großen strategischen Weichenstellungen, sondern diese leisen, menschlichen Situationen, in denen Sie Haltung zeigen müssen. Wie gelingt es, ein klares Nein auszusprechen, ohne dass die Beziehung dabei Schaden nimmt? Wie bleibt man menschlich, wenn man Grenzen setzen muss?
Die Antwort liegt selten in rhetorischen Techniken. Sie liegt in Ihrer inneren Haltung. In der Fähigkeit, Klarheit und Empathie miteinander zu verbinden. Und hier kommt Positive Leadership ins Spiel, denn wer mit sich selbst im Reinen ist, kann auch schwierige Entscheidungen klar und empathisch vertreten. Mit Ruhe, Würde und Authentizität.
Die innere Haltung klären – vor dem Gespräch
Die eigentliche Arbeit beginnt lange bevor Sie das Gespräch beginnen. In Ihnen selbst. Denn jede Entscheidung, die Sie treffen und aussprechen, ist auch ein Spiegel Ihrer Haltung. Jedes Unternehmen, so hat Unternehmercoach Stefan Merath es einmal gesagt, sei ein Spiegel der Unternehmerpersönlichkeit und seiner Führungskräfte. Positive Leadership bedeutet, Entscheidungen nicht nur durchzusetzen, sondern sie mit Ihren eigenen Werten und denen des Unternehmens zu verbinden. Dadurch werden sie verständlicher für Ihre Mitarbeiter. Und Sie als Führungskraft werden menschlicher.

Viele Führungskräfte im Gesundheitswesen handeln aus Verantwortung. Und doch geraten sie innerlich unter Druck. Das kennen Sie bestimmt aus Ihrem Alltag, zwischen Pflichtgefühl, Personalmangel und moralischem Anspruch fällt es Ihnen schwer, sich klar zu positionieren. Gerade deshalb lohnt sich ein Moment der Selbstklärung: Was will ich in diesem Gespräch wirklich vermitteln? Stärke oder Schutz? Kontrolle oder Fürsorge? Und was braucht meine Abteilung, das Unternehmen von mir?
Eine Pflegedienstleitung erzählte mir einmal, wie sie vor einem schwierigen Gespräch kurz innehielt und sich einen Satz notierte: „Ich bleibe wertschätzend, auch wenn ich Grenzen setze.“ Diese kleine Notiz veränderte ihren inneren Kompass. Weg vom Kampfmodus, hin zu klarer, ruhiger Präsenz. Denn Haltung ist kein spontaner Impuls, sondern eine bewusste Entscheidung. Und das braucht Übung. Immer wieder.
Gerade in solchen Momenten zeigt sich, was Vorbereitung als Führungsarbeit wirklich bedeutet: nicht nur Fakten zu ordnen, sondern die eigene innere Klarheit zu stärken. Wenn Sie tiefer in dieses Thema einsteigen möchten, lesen Sie meinen Blogartikel „Vorbereitung ist Führungsarbeit – So schaffen Sie die Basis für echte Gespräche“. Er zeigt praxisnah, wie bewusste Vorbereitung den Ton und die Qualität Ihrer Gespräche entscheidend verändert.
Vielleicht kennen Sie das selbst: Wenn Sie sich Ihrer Haltung sicher sind, sprechen Sie anders. Langsamer. Überzeugender. Ohne zu verteidigen. Diese innere Ruhe ist spürbar. Und sie wirkt.
Klarheit und Empathie in der Sprache vereinen
Wenn Emotionen mit im Spiel sind, zählt jedes Wort doppelt. Die Art, wie Sie sprechen, entscheidet oft mehr als das, was Sie sagen. Was wir uns immer wieder bewußt machen müssen: wenn die Emotionen hochkochen, setzt das Gehirn manchmal aus. Und einmal Gesagtes lässt sich nicht mehr zurückholen. In solchen Momenten ist es umso wichtiger, uns bewusst zu machen, wie leicht es ist, in den Verteidigungsmodus zu rutschen. Besonders, wenn der andere enttäuscht oder verärgert reagiert.
Doch empathische Kommunikation im Team bedeutet nicht, nachzugeben. Sie bedeutet, sich verständlich zu machen, ohne sich zu rechtfertigen. Statt in Argumenten zu verharren, hilft die einfache, aber wirkungsvolle Formel: Ich-Botschaften statt Rechtfertigungen.
Ein ärztlicher Leiter erklärt seiner MFA zum Beispiel, warum flexible Arbeitszeiten aktuell nicht möglich sind. Aber anstatt nur auf die Fakten einzugehen und zu sagen: „Das geht einfach nicht, wir sind unterbesetzt.“ ist er auf die menschliche Ebene eingegangen: „Ich sehe Ihren Wunsch nach Entlastung – und gleichzeitig muss ich sicherstellen, dass die Patientenversorgung stabil bleibt. Diese Entscheidung ist mir nicht leicht gefallen, aber sie ist notwendig.“
Dieser Satz transportiert Klarheit, aber auch Respekt. Die Mitarbeitende fühlt sich gesehen, auch wenn sie das Ergebnis nicht teilt. Genau das ist Führung: Entscheidungen klar und empathisch vertreten. Ohne die Beziehung aufzugeben.
Vielleicht spüren Sie, wie sehr der Tonfall hier trägt. Die ruhige Stimme, der offene Blick, ein Moment der Stille nach dem Satz. All das signalisiert: Ich bleibe bei Ihnen, auch wenn ich bei meiner Entscheidung bleibe. Positive Leadership wirkt in solchen Details. In Sprache, Haltung, Tempo. Und in der inneren Ruhe, die Sie ausstrahlen.
Manchmal ist es hilfreich, sich selbst zu fragen: Wie würde ich reagieren, wenn ich auf der anderen Seite des Tisches wäre? Schon dieser Perspektivwechsel verändert die gesamte Dynamik und öffnet den Raum für Verständnis. Auch in schwierigen Momenten. Probieren Sie es aus. Sie werden vielleicht überrascht sein.

Raum für Reaktionen lassen
Ein Nein ist selten das Ende eines Gesprächs. Oft beginnt hier erst der eigentliche Dialog. Denn wo Emotionen ins Spiel kommen, braucht es Raum: für Reaktionen, für Schweigen, für alles, was unausgesprochen bleibt.
Empathische Umsetzung und Durchsetzung heißt nicht, schnell zum nächsten Punkt überzugehen. Es heißt , präsent zu bleiben. Auch wenn es ungemütlich wird. Wenn Mitarbeitende verärgert, traurig oder still reagieren, lohnt es sich, das wahrzunehmen. Ohne es zu bewerten. Ein einfacher Satz wie „Ich merke, dass Sie das beschäftigt“ öffnet oft mehr als lange Erklärungen.
In einer ambulanten Pflegeeinrichtung erzählte eine Leitungskraft, wie sie nach einem schwierigen Gespräch am nächsten Tag bewusst noch einmal auf die Mitarbeiterin zuging: „Ich möchte kurz hören, wie es Ihnen mit der Entscheidung geht.“ Nicht, um etwas rückgängig zu machen, sondern um die Beziehung zu halten.
Dieses Nachgespräch als Beziehungspflege ist einer der stillen Schlüssel guter Führung. Es zeigt: Ich nehme dich ernst, auch wenn ich nicht alles erfüllen kann. Gerade im Alltag, wo Belastung und Nähe eng beieinanderliegen, wird Empathie so zur Ressource. Nicht zur Schwäche.
Vielleicht fragen Sie sich jetzt, wie Sie selbst die Zeit nach einer Entscheidung bewusst gestalten. Ist sie für Sie abgeschlossen oder noch eine Gelegenheit, Vertrauen zu vertiefen?
Fazit: Entscheidungen klar und empathisch vertreten – mit Haltung und Herz
Führung ist kein Spagat zwischen Konsequenz und Verständnis. Sie ist eine Bewegung zwischen beidem. Getragen von Ihrer innerer Haltung. Empathische Durchsetzung bedeutet nicht, es allen recht zu machen. Es bedeutet, Verantwortung zu übernehmen. Mit Klarheit im Kopf und Wärme im Herzen.
Vielleicht steht bei Ihnen gerade eine Entscheidung an, die Sie lieber verschieben würden. Dann halten Sie kurz inne, atmen durch und fragen Sie sich: Welche Entscheidung könnten Sie morgen mit gleicher Klarheit, aber mehr Empathie vertreten? Denn Führung wird dort wirksam, wo Konsequenz auf Menschlichkeit trifft. Und genau das braucht das Gesundheitswesen heute mehr denn je: Menschen, die Haltung zeigen – ohne zu verhärten.
