Stärkenorientierte Führung: Wie Sie Wohlbefinden und Leistung im Gesundheitswesen verbinden
Stellen Sie sich vor: In Ihrem Haus steht eine große Veränderung an. Vielleicht die Einführung einer neuen Dokumentation oder ein Strukturwechsel im Team. Manche Mitarbeitende reagieren sofort mit Ideen und Tatkraft. Andere halten sich zurück, wirken skeptisch oder blockieren. Woran liegt das?
Die Antwort liegt oft nicht in der Ausbildung oder Erfahrung. Sie liegt tiefer. In den Signaturstärken der Menschen. Die Stärken, die jeder in sich trägt und die uns Energie geben, wenn wir sie einsetzen dürfen. Unsere ganz persönlichen inneren Ressourcen. Wenn Führungskräfte diese Stärken bei sich selbst und in ihren Teams erkennen und bewusst nutzen, entsteht das, was die Psychologie „Flourishing im Beruf“ nennt: Menschen fühlen sich wohl, wachsen über sich hinaus und leisten mehr. Genau darin liegt die Kraft von stärkenorientierter Führung.
Warum Wohlbefinden und Leistung zusammengehören
Im Alltag von Kliniken, Praxen und Pflegediensten herrscht meist enormer Druck: Personalmangel, knappe Zeit, hohe Erwartungen. Überall knappe Ressourcen. In dieser Situation wirkt es oft pragmatisch, Aufgaben schlicht nach Verfügbarkeit zu verteilen. Doch wer so führt, übersieht ein entscheidendes Potenzial. Wenn Menschen ständig Aufgaben übernehmen, die nicht zu ihren Stärken passen, erledigen sie zwar ihre Arbeit, aber sie schöpfen keine Energie daraus. Eine Zeitlang geht das gut, aber auf Dauer besteht die Gefahr, dass einzelne Mitarbeiter ausbrennen. Oder einfach nur noch funktionieren.
Eine Einrichtungseitung erzählte mir, wie ein Mitarbeiter mit der Stärke „Humor“ in einer angespannten Übergabe durch eine einzige Bemerkung die Stimmung drehen konnte. Es war nur kurzer, entlastender Moment. Ein entspanntes Lachen – und plötzlich konnte das Team wieder konzentrierter und leistungsfähiger weitermachen. Nicht Fachwissen, nicht Erfahrung, sondern eine persönliche Stärke veränderte die Situation.
Das zeigt: Wohlbefinden und Leistung sind keine Gegensätze. Sie gehören zusammen. Und sie werden dort gestärkt, wo Führungskräfte nicht nur auf Fähigkeiten achten, sondern auf die Stärken hinter den Fähigkeiten. Wer stärkenorientiert führt, investiert gleichzeitig in Motivation und in Resilienz.
Vielleicht haben Sie selbst schon erlebt, wie ein Teammitglied in schwierigen Zeiten alle mit seiner Energie trägt. Genau dort zeigt sich: Eine Stärke, die sichtbar wird, kann ganze Teams verändern.
Eigene Stärken als Führungskraft kennen
Stärkenorientierte Führung beginnt bei Ihnen selbst. Wer seine Signaturstärken kennt oder erkennt, gewinnt innere Klarheit. Sie geben Sicherheit in Entscheidungen, Orientierung im Alltag und Authentizität im Umgang mit Menschen. Und sie machen das Leben und die Arbeit leichter.

Ein Praxisinhaber erzählte, wie er sich jahrelang in Details verlor, bis er seine Stärke „Zukunftsorientierung“ bewusster einsetzte. Seitdem gelingt es ihm besser, mit Weitblick zu führen, statt sich im Tagesgeschäft zu verstricken. Seine Mitarbeitenden spüren diese Klarheit und fühlen sich stärker mitgenommen.
Das VIA-Stärkenmodell liefert hierfür eine wissenschaftlich fundierte Grundlage. Es beschreibt 24 universelle Charakterstärken, von „Mut“ über „Liebe zum Lernen“ bis „Führungsvermögen“. Die fünf bis sechs am stärksten ausgeprägten gelten als sogenannte Signaturstärken. Für Führungskräfte sind sie der Schlüssel zur Selbstführung: Denn nur wer sich selbst führt, kann auch andere führen.
Gerade in diesem Punkt zeigt sich, dass Führung immer ein Balanceakt ist: zwischen Struktur, die Orientierung gibt, und Empathie, die Vertrauen schafft. Wie beides zusammenwirken kann, lesen Sie ausführlich in meinem Blogbeitrag „Struktur und Empathie: Führung im Gesundheitswesen neu denken“.
Stärken im Team sichtbar machen
Stärkenorientierte Führung entfaltet ihre volle Wirkung im Team. In einer Notaufnahme war es eine junge Ärztin mit „Ruhe“ und „Teamgeist“, die in einer stressigen Schicht den Überblick behielt. Nicht die erfahrenste, aber diejenige, deren Stärken die Gruppe stabilisierte. Oder denken Sie an eine Pflegekraft, die mit ihrer Stärke „Fairness“ in Konflikten dafür sorgt, dass Aufgaben gerecht verteilt werden. Ihr Einsatz schafft Vertrauen. Und dieses Vertrauen trägt das Team durch schwierige Situationen.
Stärken im Team zu erkennen, ist ein Prozess. Er beginnt mit aufmerksamem Beobachten: Wer blüht auf, wenn Neues ansteht? Wer übernimmt Verantwortung, auch wenn es unbequem wird?
Unterstützend kann ein Stärken-Test wie das VIA-Modell sein. Doch entscheidend ist, dass Ergebnisse freiwillig geteilt werden. Nur dann entsteht eine Kultur, in der Mitarbeitende sich öffnen. Wenn Aufgaben anschließend bewusst nach Stärken verteilt werden, spüren alle: „Ich werde gesehen.“ Das steigert die Motivation und es stärkt die Bindung ans Team.
Vielleicht lohnt es sich, einmal genauer hinzuschauen: Welche ungenutzten Stärken warten in Ihrem Team darauf, entdeckt zu werden?

Aufgaben stärkenorientiert verteilen
Eine Leitung in einem ambulanten Pflegedienst berichtete, dass ein Projekt lange ins Stocken geraten war. Erst als sie die Aufgaben neu verteilte – nicht nach Hierarchie, sondern nach Stärken – kam Bewegung hinein. Die Kreativen entwickelten Ideen, die Lernbegeisterten arbeiteten sich in neue Abläufe ein, die Mutigen probierten Neues aus. Plötzlich entstand eine Energie, die vorher fehlte.
Das ist der Kern von stärkenbasierter Aufgabenverteilung. Sie bringt nicht nur mehr Effizienz, sondern auch Sinn. Menschen erleben: „Ich darf das tun, was mich ausmacht, was ich gut kann. Was mir leicht von der Hand geht.“ Dadurch wächst nicht nur die Motivation, sondern auch die Resilienz. Gerade im Gesundheitswesen, wo die Belastung hoch ist, kann dieser Ansatz den Unterschied machen: Teams, die nach Stärken geführt werden, halten länger durch. Und mindestens genauso wichtig: sie bleiben engagiert.
Wie oft lassen Sie heute noch reine Verfügbarkeit entscheiden? Und wie würde sich Ihr Alltag verändern, wenn Sie konsequent nach Stärken gingen?
Fazit: Führung als Balancekunst
Führung im Gesundheitswesen ist ein Drahtseilakt zwischen Effizienz und Menschlichkeit. Stärkenorientierte Führung ist dabei wie ein Sicherheitsnetz: Sie trägt Sie selbst – und sie trägt Ihr Team. Sie verbindet Leistung mit Wohlbefinden, Motivation mit Resilienz, Organisation mit Sinn.
Wenn Sie herausfinden möchten, wie Sie stärkenorientierte Führung im Arbeitsalltag Ihrer Klinik, Praxis oder Einrichtung umsetzen können, lassen Sie uns ins Gespräch kommen. Gemeinsam schaffen wir die Bedingungen, in denen sowohl Ihre Mitarbeitenden aufblühen als auch Ihr Unternehmen davon profitiert.
Denn dort, wo Stärken Raum bekommen, entsteht Aufblühen am Arbeitsplatz. Für Menschen. Für Teams. Für das ganze System.
